Rajasthan: Auf den Spuren von Märchen und Mythen Teil 2

Indien feiert am 26. Januar den Tag der Republik (Republic Day). An diesem Tag traf die Verfassung des Staates im Jahr 1950 zum ersten Mal in Kraft. Wir, als Asien-Experte und Spezialist auf dem Gebiet der Indien-Rundreisen, wollen natürlich der Bedeutung dieses feierlichen Tages gerecht werden und stellen ihnen in dieser Woche ein Bericht zu einer Rajasthan-Reise vor. Unsere Reisefreundin Ulla Frei besuchte in März mit TOUR VITAL auf einer 18-tägigen Rundreise das Land der Kontraste und schilderte ihre ehrliche, lustige, spannende und einfach einmalige Erlebnisse in Form eines wirklich schönen, ausführlichen und bildhaften Berichtes vor. Heute stellen wir Ihnen den 1. Teil mit Tagen 1-9 vor. Am Montag geht’s weiter mit Tag 10-18.

Tag 1. Anreise von Frankfurt nach Delhi

Anreise per Lufthansa-Direktflug

Nach unserer Landung in Delhi und der Gepäckausgabe war unser Reiseleiter leicht zu finden, er stand am Ausgang und hielt ein „TOUR VITAL“- Schild hoch. Nach und nach fand sich die Gruppe aus 28 Leuten zusammen. Dann sofort eine angenehme Überraschung: obwohl es hieß, dass aus den Geldautomaten kaum noch Geld kommt, haben wir es versucht und erfolgreich je 10.000 Rupien abgehoben. (1 Euro ~ 70 Rupien)

Unser indischer Reiseleiter Harendra Singh war ganz nett, 33 Jahre alt und hat einen Masterabschluss in Geschichte und einen Bachelor in indischer Architektur. Er arbeitet seit 12 Jahren als Reiseleiter.

Die nächtliche Luft bei der Ankunft in Delhi war diesig und versmogt. Im Hotel sind wir dann zügig aufs Zimmer und ins Bett, da am Morgen gleich die Rundreise starten sollte. Die Betten waren bequem und die Temperatur gut zum Schlafen.

Tag 2. Von Delhi nach Mandawa

Auf dem Weg auf einer mehrspurigen Straße war schwer zu erkennen, ob es sich um eine Schnellstraße, einen Highway oder eine Autobahn handelte. Irgendwann hatte die „Autobahn“ ca. 16 Spuren, wir konnten es gar nicht genau zählen. Obwohl es eigentlich verboten ist, fuhren dort auch zahlreiche Mopeds, z.T. mit fünf Leuten inkl. Kindern drauf, meist ohne Helm.

Gekühlte Getränke konnten wir immer im Bus für 40 Rupien kaufen, der Busboy kam mehrmals mit einem Korb voller Flaschen durch, und hinterher noch mal mit einer Namensliste, auf die man dann selbst einen Strich hinter seinen Namen machte. Abgerechnet wurde später irgendwann. 

Gegen 13 Uhr machten wir Mittagsrast an einem Restaurant. Die Tische und Stühle standen im Garten, mit einer Plane als Sonnenschutz überspannt. Das Buffet stand auch draußen. Wie schön, mal ohne Klimaanlage zu sein und draußen zu sitzen! Man konnte sich für 500 Rupien am Buffet bedienen oder für 300 Rupien Suppe und Naanbrot essen, was die meisten von uns gemacht haben. Zuerst habe ich eine ziemlich scharfe Linsensuppe gegessen und dann milde Tomatensuppe. Das Naan war sehr lecker dazu, das sind leicht zähe, runde dünne Brotfladen.

Danach hatten wir noch mal gut 3,5 h Fahrt ohne Pause bis Mandawa. Viele Menschen, v.a. Kinder in den Dörfern, winkten uns zu. Insgesamt sieht alles ziemlich verkommen und verarmt aus. Immer wieder sieht man Kühe auf der Straße, die im Müll fressen, dazu Schafe und Ziegen. Und seltsame Vehikel aller Art. In all der staubigen Umgebung sehen die Frauen in ihren leuchtend bunten Saris trotzdem toll aus. Ich konnte bisher fast nur Fotos aus dem fahrenden Bus machen. 

Tag 3. Mandawa

Um 9 Uhr ging die kurze Fahrt in die kleine, etwas herunter gekommene Stadt Mandawa. Wir sind fast 3h herum gegangen und haben uns einige der schönsten Haveli Häuser angesehen.

 Als Haveli werden die palastartig ausgestalteten Wohnhäuser wohlhabender, meist muslimischer Fernhändler im Norden Indiens und in Pakistan bezeichnet. Die imposanten, zumeist zwischen 1830 und 1930 entstandenen mehrgeschossigen Havelis sind dem Verfall preisgegeben; nach dem Untergang des Osmanischen Reichs zogen die reichen Handelsfamilien in die Küstenstädte und vermieteten die Häuser an ärmere Familien aus dem Umland.

Haveli

Im Anschluss ging es über den angekündigten Basar, was eher einem Entlanglaufen einer Einkaufsstraße entsprach. Kein extrem buntes und geschäftiges Gewühl wie erwartet, aber doch quirlig genug, mit hupenden Mopeds, Eselsgespannen, Karren mit Zuckerrohr und Zuckerrohrpresse, Obst- und Gemüseständen und umherlaufenden Kühen…Die Temperatur war am Morgen lau und im Verlauf sehr angenehm und sonnig, keineswegs zu heiß.

Tag 4. Von Mandawa nach Bikaner

Um 8 Uhr startete heute Morgen die ca. vierstündige Fahrt nach Bikaner. Auf halber Strecke haben wir einen Toilettenstopp gemacht. Da gab es auch einen netten Souvenirladen, in dem ich aus einer Laune heraus ein amüsantes Kamasutra-Büchlein mit schön illustrierten Bildern gekauft habe. ☺

Kurz vor Bikaner haben wir den Veshno Devi Tempel besichtigt. Mich erinnerte er im Erscheinungsbild ein bisschen an Phantasialand, vor allem der Eingang in Form eines riesigen, bemalten Löwenmauls.

Ca. 12.45 Uhr erreichten wir das Lallgarh Palace Bikaner und haben eingecheckt. Das Heritage Hotel ist ein ehemaliger Maharaja-Palast, riesengroß und mit sehr verschiedenen Zimmern. Unser Zimmer gleicht beinahe einem Ballsaal mit Queensize Bett. Ein Teil der Gebäude wird heute noch von einem Maharaja und dessen Familie bewohnt, aber diesen Bereich mit den dazu gehörigen Gärten dürfen Hotelgäste nicht betreten, das wird streng bewacht.

Nach einem kurzen Mittagsimbiss ging es gegen 14 Uhr zum Junagarh Fort, welches wir 2h lang besichtigt haben.

Es ist eines der wenigen Forts in Rajasthan, welches nicht auf einem Hügel liegt. Es wurde im 16. Jahrhundert von Karan Chand, dem 6. Herrscher von Bikaner, erbaut und hieß Chintamani, bis es im 20. Jhd. in Junagarh oder „Old  Fort“ umbenannt wurde, als die Herrscherfamilie in den Lallgarh Palace umzog.

Anschließend Fahrt von ca. 8 km zur Gedenkstätte „The Royal Cenotaphs“. Die Kenotaphen liegen an der Straße nach Jaipur und werden von Touristen kaum besucht, entsprechend ruhig ist es dort.

Kenotaphen sind Scheingräber und ein Ehrenzeichen für einen oder mehrere Tote. Im Gegensatz zu Gräbern dienen sie ausschließlich der Erinnerung und enthalten keine sterblichen Überreste. Die sehr alten Kenotaphe weiter hinten auf dem Gelände sind aus rotem Sandstein, während die neueren Generationen aus weißem Marmor gemeißelt sind. Sie sind der königlichen Familie von Bikaner und deren Nachkommen gewidmet.

Auf dem Gelände war wieder barfuß laufen angesagt, was auf dem weißen Marmor angenehm war. Man konnte aber auch Flipflops ausleihen.

Es gibt drei Typen von Kenotaphen:

  • weißer, rechteckiger Baldachin: nur für Kinder
  • Waagrechter Baldachin mit horizontaler Platte mit Fußabdrücken: königliche Ehefrauen
  • Baldachin mit aufrechter Platte mit eingraviertem Namen: männliche, königliche Erwachsene

Zurück im Bus hatte der Busboy Girlanden und Ballons angeklebt, weil einer aus der Gruppe Geburtstag hat. Es gab für alle indischen Rum mit Cola, was die müde Stimmung in Nullkommanix anheizte… 

Um 18 Uhr waren wir wieder in unserem Lallgarh Palace und bis zum Abendessen blieb noch Zeit.  Wir haben uns ein bisschen in dem weitläufigen Gebäudekomplex umgesehen, weil einige aus der Gruppe uns von interessanten Hirschköpfen und Ausstellungsvitrinen auf den Fluren vor ihren Zimmern erzählt hatten. Irgendwo hing sogar ein deutscher Hirschkopf aus den 30er Jahren. Danach haben wir den Pool begutachtet, ein schickes ca. 16 m langes Hallenbad.

Wenn ich während der Busfahrten durch die Fensterscheiben das Leben und die Menschen betrachtete, war ich froh über meine Entscheidung, dieses Land im Schutz einer geführten Gruppenreise mit Vollprogramm und Verpflegung zu bereisen. Es würde mich viel zu viel Energie kosten, in diesen Gegenden voller Müll und Dreck und Armut individuell unterwegs zu sein. Da gibt es ja nichts zum netten Bummeln oder Kaffeetrinken. Wenn man aussteigt, ist man sofort von aufdringlichen Händlern und verfilzten Bettelkindern umgeben. Man könnte kaum irgendwo in Ruhe hergehen. Es gäbe auch wenige Einkehrmöglichkeiten, in denen man bedenkenlos essen könnte. 

Das Leben der Leute aus dem geschützten Kokon eines klimatisierten Reisebusses zu beobachten, von einer Sehenswürdigkeit zur anderen zu fahren und sich in komfortablen Hotels mit Pool und Abendessen zu erholen, bedeutet natürlich auch, auf ein wirkliches Kennenlernen indischer Menschen, Mentalitäten und Lebensweisen zu verzichten. Aber gerade in Indien ist es mir so lieber und sicherer.

Tag 5. Von Bikaner nach Jaisalmer 

Pünktlich um 10 Uhr ging es los aus unserem Lallgarh-Palast-Hotel in Bikaner. Die Fahrt nach Jaisalmer verlief unspektakulär.

Einmal kamen wir an einer Ziegelei vorbei, wo wir einen spontanen Foto-Stopp einlegten. Es gab kein Gebäude, sondern unter freiem Himmel wurden in einem mit Kuhdung und Kohle befeuerten Ofen Lehmziegel gebrannt. In die Arbeit waren Männer und Frauen, aber auch Kamele eingespannt. Kinder liefen auch herum; für sie waren wir genauso interessant wie die Ziegelei für uns.

Gegen 14 Uhr machten wir Mittagsrast, wie üblich in einem Midway-Restaurant mit angeschlossenem Souvenirshop. Der Himmel hatte sich nach anfänglich klarem Himmel zugezogen und sah nun richtig düster aus. Zum Glück waren wir heute vorwiegend auf verhältnismäßig guten Straßen unterwegs, aber der Sturm- und- Regen-Mix bot doch eine gewisse Brisanz. Da wir meist auf Schnellstraßen gefahren sind, haben wir nicht so viele Menschen, Radfahrer und Hunde auf der Fahrbahn gehabt und auch etwas weniger Mopeds. Aber natürlich die allgegenwärtigen Kühe, die gemütlich über den Highway spazieren und auf dem Mittelstreifen grasen. Jede Menge LKWs, Kleinlaster und Tuk-Tuks und die übliche – ich nenne es mal unkonventionelle – Fahrweise, und haarsträubende Überholvorgänge. An den meisten Fahrzeugen, auch unserem Bus, hingen hübsche schwarze oder schwarz-bunte Bommel an den Seitenspiegeln oder am Heck, die vor bösen Geistern schützen sollen. Das ist hier auch wirklich nötig! ☺ Kühe gelten als heilige Tiere und dürfen sich überall ungestört aufhalten. Wer eine Kuh im Straßenverkehr tödlich verletzt, muss eine Pilgerfahrt machen. Ich weiß aber nicht, ob und von wem die Einhaltung dieser religiösen Regel überprüft wird oder welche Konsequenzen Nicht-Hinduisten nach einem solchen Unfall zu tragen haben.

Um 18 Uhr sind wir in der Unterstadt von Jaisalmer angekommen. Zum Abend war der Himmel wieder aufgeklart und bot uns einen tollen Blick auf den von einer Mauer umgebenen Fortbereich der Stadt, der oben auf einem Hügel liegt und in dem ca. 25% der 70.000 Einwohner Jaisalmers wohnen. Durch die Abendsonne wirkten die Bauten aus Sandstein beinahe golden. 

Wir haben einen kurzen Fotostopp gemacht und sind dann noch einige Minuten weitergefahren, um die Abendsonne bis zum Sonnenuntergang bei der Gedenkstätte Bada Bagh (= Großer Garten) zu verbringen, die ca. 6 km von Jaisalmer entfernt an der Straße nach Jodhpur liegt. 

Wieder eine hinduistische Ansammlung von Kenotaphen (auch Chhatris genannt), diesmal aus goldbraunem Sandstein errichtet, erstmals 1743 für Jai Singh II. Hier haben die Ehefrauen der verstorbenen Maharajas den „Sati Tod“ gefunden und sich mit ihren toten Ehemännern zusammen auf dem Scheiterhaufen verbrennen lassen.

Hier finden bis heute Leichenverbrennungen statt, wie frische Brandspuren verraten. Das Gelände ist kein wirklicher Garten, die  Kenotaphen sind eingebettet in steinige Gerölllandschaft. Von der Anhöhe aus sieht man in der Ferne die Stadtmauer von Jaisalmer. Wer fotografieren will, muss für 50 Rupien eine Erlaubnis (Permit) kaufen.

Nach Sonnenuntergang sind wir die kurze Strecke zu unserem Hotel Rang Mahal gefahren, ein schickes Hotel mit schlichten und sauberen Zimmern.  Wir waren um kurz nach 19 Uhr angekommen und um 19.30 gab es schon Abendessen in Form eines sehr leckeren Buffets. Danach haben sich einige der anderen noch in den Garten gesetzt bei sehr angenehmer Temperatur.  Es gab einen schönen Pool von ca. 20m Länge mit warmem Wasser, den ich nach dem Essen noch ausgiebig zum Schwimmen genutzt habe. Später am Abend zog der Himmel wieder zu, es blitzte, donnerte und regnete dann heftig bis in die Nacht.

Tag 6. Jaisalmer

Jaisalmer wurde 1156 gegründet und liegt im Westen der Wüste Thar, nahe der Grenze zu Pakistan. Das wüstenartige Klima ist heiß und trocken und es regnet fast nur während des Monsuns im Juli und August. 

Zunächst hielten wir nach kurzer Fahrt am Gadisar See, der einst als Trinkwasserreservoir diente. Entlang des Ufers wurden viele Tempel und Schreine errichtet. Dort durften wir eine Weile herumlaufen und fotografieren, bevor wir zum Fortbereich von Jaisalmer weiterfuhren. Durch den für diese Jahreszeit eher ungewöhnlichen Regen in der vergangenen Nacht war die Luft schön sauber.

Innerhalb der alten Stadt, also den befestigten Fortmauern, bot sich uns ein buntes Treiben in einem engen Netz aus Sträßchen, Gassen und Plätzen. Dort haben wir uns etwa drei Stunden lang mehr oder weniger gemeinsam getummelt, hier und dort einen Tempel oder ein Haveli angeschaut. Harendra hat uns auch ab und zu etwas über Architektur und Kultur erzählt, aber ich habe gar nicht erst versucht zuzuhören, weil um uns herum ein lebhaftes Chaos aus Menschen, hupenden Mopeds, knatternden Motor-Rikschas, Marktständen, Souvenirläden und natürlich Kühen und Hunden herrschte. Ich habe die Stunden sehr genossen, weil wir das bunte Leben hautnah erleben konnten. Einmal bekam ich einen kräftigen Rempler in die Flanke. Als ich mich umdrehte, um zu schauen, wer mich denn da so rüde schubst, war ich bass erstaunt, dass es eine Kuh gewesen war! Das war echt lustig…

Weil derzeit ein lokales Fest stattfindet, waren besonders viele Frauen in traditioneller Kleidung unterwegs. Um kurz vor 13 Uhr waren wir wieder im Hotel und konnten bis 17 Uhr ausruhen und die vielen Eindrücke verarbeiten.

Um 17 Uhr erwartete uns eine ca. 40-minütige Fahrt in die Wüste Thar, wo schon eine Gruppe von Kamelführern mit ihren bunt gesattelten Tieren auf uns wartete. Ein anderer Bus mit Touristen war auch schon angekommen, ich glaube die französische Reisegruppe, die schon seit einigen Tagen immer wieder unsere Wege kreuzt und teilweise in denselben Hotels untergebracht ist.

Jeweils zu zweit sind wir auf die Kamele gestiegen, die Tiere wurden von je einem Führer in traditioneller Kleidung an einem Seil geführt. Etwa eine halbe Stunde ging es in meditativem Schaukelgang durch die Dünen, der Sonne entgegen. Nach einer kleinen Pause zum Beine vertreten führte der Kamelritt wieder zurück zum Bus.

Wir stiegen aber nicht ein, sondern betraten ein Gebäude, oder besser eine quadratische Ummauerung ohne Dach, einfach auf den Wüstensand gesetzt. Hier bekamen wir die angekündigte Folklore-Show geboten. Der Platz in der Mitte war frei, an den Rändern standen Stuhlreihen mit kleinen Tischen. An der Stirnseite saßen die Musiker und Tänzer. Wir bekamen Papadum (eine Art gebackener Riesen-Chips) und Erdnüsse sowie Rum mit Cola und Schnaps serviert. Einer der Tänzer war ein als Frau verkleideter Mann, das ist bei indischen Folkloretänzen wohl so üblich. Als wir nach einer guten Stunde wieder im Bus saßen, war es bereits dunkel. 

Tag 7. Jaisalmer – Jodhpur – Luni  

Nach 1-2 kurzen Zwischenstopps erreichten wir Jodhpur. Vom Ort aus wand sich der Bus fünf Kilometer den Berg entlang auf 123 m Höhe zur Festungsanlage Mehrangarh Fort, die 1459 auf einem Einzelfelsen erbaut wurde. Die bis heute erhaltene Bausubstanz stammt jedoch weitgehend aus dem 17. Jh. Die Festung befindet sich noch heute im Besitz der Nachfahren des Maharajas Jaswant Singh und wurde noch bis 1943 von der fürstlichen Familie bewohnt.

Wir betraten das Fort durch eines der sieben Tore und kehrten im Eingangshof erst einmal zum Mittagessen ein. Danach bekamen wir eine interessante Führung von Herandra. Hinterher war ich ziemlich erschöpft, da das Wetter wie auch gestern sehr heiß und sonnig war. Vom hoch gelegenen Fort hatte man einen tollen Ausblick auf die vielen blauen Häuser und Dächer der Stadt, die für Jodhpur charakteristisch sind.

Jeweils zu dritt quetschten wir uns am Nachmittag in die Motorrikschas und mit halsbrecherischem Tempo ging es runter nach Jodhpur. So schnell hätte uns der Bus niemals dorthin gebracht und er hätte auch gar nicht durch die schmalen Gassen und Abzweigungen gepasst, durch die wir hindurch witschten. Den meisten von uns hat die Fahrt einen Heidenspaß bereitet!

Unser Bus war schon vorgefahren und gabelte uns in der Stadt auf.  Nächster Halt war an einem Textil- und Kunsthandwerksshop, wo wir ca. 1h eine Verkaufsshow vorgeführt bekamen: Bettüberwürfe, Schals und Stolas aus Seide, Pashmina, Vikunja etc. Da wir bequem sitzen konnten und es angenehm klimatisiert war, kam diese „Pause“ gerade recht. Einige von uns haben sogar etwas gekauft.

Von dort waren es noch 35-40 km bis zu unserem Hotel Fort Chanwa in Luni, ein gepflegtes Heritage-Anwesen mit schönen und geräumigen Zimmern.  Fort Chanwa ist das einzige Hotel in dem kleinen Ort Luni. In der Nähe kreuzen sich zwei Bahnlinien und in einer Einflugschneise scheint das Hotel auch zu liegen. Es gibt einen schönen Garten und hübschen Pool, aber ich war zu müde zum Schwimmen. Nach dem Abendessen hatten wir uns in den Garten gesetzt, wo bei spärlicher Beleuchtung Folklore vorgeführt wurde.

Tag 8. Von Jodhpur nach Udaipur

Unser erster Stopp war heute schon wenige Kilometer vom Hotel entfernt an einer kleinen Töpferei, wo wir beim Modellieren an einem manuellen Drehteller zusehen durften. Der Teller wurde mittels eines Stocks so stark in Schwung gebracht, dass die Umdrehungen zum Ausformen einer ganzen Vase oder Schüssel reichten.

Nächster Halt war an einem bizarren „Motorrad-Tempel“. In den 80er Jahren soll es einen Motorradunfall gegeben haben, bei dem der Motorradfahrer starb. Die hinzu gerufene Polizei brachte den Leichnam weg und auch das Motorrad. Am nächsten Tag soll das Motorrad wieder an der Unfallstelle gelegen haben. Die 350er Enfield Bullet wurde abermals mitgenommen. Der Vorgang wiederholte sich wohl noch ein weiteres Mal, manche wollen auch den verstorbenen Fahrer mit dem Motorrad fahren sehen haben… Man hat dann einen Tempel errichtet und das Motorrad steht dort in einem Glaskasten und wird als Gottheit verehrt. Es gibt auch einen Altar oder Schrein mit einem ewigen Feuer und allem Brimborium. Viele Einheimische verkehren dort zum Gebet.

Spontaner Fotostopp an einer Sesammühle. Dort zog ein Ochse mit zugebundenen Augen (damit ihm nicht schwindelig wird) eine Art überdimensionierten Stößel in einem großen Mörser in den Kreisen herum, um die Sesamkörner zu zerstoßen. So wird dort Sesamöl gewonnen.

Bald darauf Mittagessen im Chandra Hill Resort mit einer schönen Besonderheit: für 100 Rupien konnte man 10 min Rückenmassage direkt am Tisch bekommen. Wir saßen in der schattigen Hitze einer überdachten Terrasse, und die Massage war sagenhaft gut.

Nach dem Mittagessen Weiterfahrt nach Ranakpur zum Adinatha-Tempel, einem Jaintempel.

Ranakpur liegt zwischen Jodhpur und Udaipur auf einer Höhe von 486 Metern, abgelegen in einem waldreichen Tal im Westen der Aravalli-Bergkette. Für die Jainas Nordindiens gelten bestimmte Berge in Gujarat und Rajasthan als heilig. Der Jainismus hat keine eigenständige Architektur entwickelt; die Bauform der Tempel entspricht den hinduistischen Bauten, wurde aber den besonderen Bedürfnissen des Jaina-Rituals angepasst. Die Dachformen aller Gebäude werden von insgesamt 1444 tragenden Säulen gestützt, die in ihrer verspielten Ornamentfülle alle unterschiedlich gestaltet sind. 24 Säulenhallen sind mit 80 Rundkuppeln überdeckt. Der gesamte Tempel ist aus cremefarbenem Marmor, die Säulen und Wandflächen sind mit kleinteiligem Figurenschmuck überzogen. Zwar nicht in der Konzeption, dafür im Aufwand der Ausgestaltung übertrifft er alle anderen Jaintempel.

Eine Führung durch Herandra war hier nicht erlaubt, und so wurden wir alle mit Kopfhörern, Audio-Guides und Orientierungskarten ausgestattet. Wie in allen Tempeln üblich, war das Betreten nur barfuß gestattet, was auf den kühlen Marmorböden sehr angenehm war. Aus religiösen Gründen durfte man kein Leder mit hinein nehmen, also auch keine Gürtel und Portemonnaies, außerdem nichts Ess- und Trinkbares, was am Eingang streng kontrolliert wurde und wir mussten Foto-Permits bezahlen (100 INR ). Ich hatte wenig Lust auf den Audio-Guide, schlenderte einfach so durch die kühlen Säulengänge und ließ die Atmosphäre auf mich wirken, als mich ein Priester ansprach und fragte, ob er ein Mantra für mich sprechen solle. „Och joh, warum eigentlich nicht?“ Aber dann wollte er erstmal Geld sehen, in Form einer „Spende“. Nun hatte ich ja mein Lederportemonnaie im Bus gelassen. Enttäuscht wandte sich der Priester ab, aber ich forderte ihn heraus: „He, wie jetzt, Mantra nur gegen Geld?!“.  Das war ihm dann doch unangenehm und ich sollte ihm folgen. Er setzte sich auf einem Marmorblock und fing an, in fremder Sprache Verse zu murmeln. Bestimmt hat er mich verflucht…*lach*

Ich war froh, als wir wieder im Bus waren, wo es endlich etwas zu trinken gab. Auf der Weiterfahrt nach Udaipur hielten wir noch für ein paar schöne Fotostopps:

  • Auf der Passstrasse, um die Berge zu fotografieren und die Affen (Makaken), die in dem Naturreservat entlang der engen steilen Bergstraße überall zu sehen waren.
  • Bei einem von einem Ochsen- Doppelgespann betriebenen Wasserrad, welches Wasser auf die angrenzenden Felder leitet. – An einer Baumgruppe, in deren Kronen sich Scharen kopfüber hängender Flughunde krallten.

Besonders gefallen hat mir die Weiterfahrt durch sehr malerische Dörfer. Der Großteil der Strecke heute, insbesondere diese Dörfer, war nicht so exzessiv dreckig wie wir es andernorts so oft gesehen hatten. Die Abendsonne vergoldete die Landschaft und wir konnten während der Durchfahrt viele Menschen bei der Feldarbeit und sonstigen frühabendlichen Verrichtungen sehen, wie z.B. Grasbündel nach Hause tragen, Heu mit der Sichel schneiden, Wasser an der Dorfwasserpumpe holen, Obsteinkauf an kleinen Ständen oder geselliges Teetrinken.

Kurz bevor wir die restlichen 40 km nach Udaipur wieder über eine „Schnellstrasse“ fuhren, gab es einen letzten Toilettenstopp an einem Midway-Restaurant mit anschließendem Masala-Tee für alle.

Im Dunkeln ging es dann nach Udaipur. Auf der vierspurigen Straße kamen uns immer mal wieder Geisterfahrer entgegen, meist auf dem schmalen Standstreifen: Mopeds, Tuk-Tuks, LKWs. Einmal sind auch wir ein Stück verkehrt herumgefahren, um eine lästig große Schleife zu vermeiden, die wir hätten fahren müssen, um an offizieller Stelle die Richtung zu wechseln.  Es war schön, dass die lange Fahrt an dem heißen Tag heute durch so viele interessante kleine Stopps unterbrochen wurde.

In der Innenstadt von Udaipur wurde es eng für den Bus, aber unser Fahrer brachte uns mit Bravour zum Hotel Rajdarshan, wo wir um kurz nach 21 Uhr ankamen. Nach Zimmerbezug sind wir direkt zum Abendessen gegangen, ein sehr leckeres Buffet. Zwar gibt es überall ähnliche Speisen, aber hier war es besonders ansprechend und lecker. Wir sind durchweg in guten Hotels untergebracht, da gibt’s kaum etwas zu meckern. 

Tag 9. Udaipur

Die Nachtruhe währte nur kurz, da ab 5.40 Uhr lauter Singsang und Muezzinrufe von draußen hereindrangen und ziemlich lange anhielten. Danach konnten wir bis 8 Uhr nur noch mit weiteren Unterbrechungen durch Hundegebell und anderen Lärm etwas dösen.

Um 9.30 Uhr sind wir sind wie auf einer Perlenkette aufgereiht vom Hotel aus die Straßen entlang zu Fuß durch Udaipur gegangen, vorbei an unzähligen kleinen Lädchen, die noch zu waren oder gerade erst öffneten, an Straßenständen mit Obst und Gemüse, durch den knatternden und hupenden Verkehr von Mopeds und Tuk-Tuks, vorbei an Schreinen und kleinen Tempeln. In einem Postamt haben wir Briefmarken gekauft und als wir einmal zusammenstanden und Herandra längere Vorträge hielt, habe ich mir an einem nahen gelegenen Stand für 40 Rupien eine Kokosnuss aufschlagen lassen. Die grünen Kokosnüsse sind hier viel kleiner als in Südostasien und schmecken auch nicht ganz so gut, aber immerhin eine Kokosnuss! Einige andere taten es mir gleich nach.

Wir sind die steile Treppe zum Jagdish-Tempel hochgestiegen, dem größten religiösen Bauwerk der Stadt. Der Vishnu geweihte Hindu-Tempel wurde 1651 erbaut. Wieder war es angenehm, barfuß auf weißem Marmor zu laufen.  Innen drin durfte man nicht fotografieren, und es fand auch gerade eine Art Gottesdienst statt. Am Eingang wurden zwei ohrenbetäubend laute Glocken geläutet, drinnen gab es lauten, etwas monoton klingenden Singsang, mit Innbrunst aus den Kehlen zahlreicher Inder. Sie standen alle einem geöffneten Raum zugewandt und verehrten die darin aufgestellte hölzerne Jagannath-Figur, die Vishnu oder Krishna darstellen soll und wedelten ihr mit großen „Staubwedeln“ Luft zu. Für mich sah die Figur eher wie eine überdimensionierte Clownsmaske aus. Überhaupt blicke ich durch die Vielzahl von Göttern, Figuren, religiösen Strömungen und deren Rituale nicht durch. 

Nach dem Tempelbesuch liefen wir weiter bergauf zum Stadtpalast von Udaipur. Schon der Vorhof ist groß und imposant, mit einer schönen Gartenanlage und einem seitlichen überdachten Korridor, der angenehmen Schatten spendet und zudem Ausblick auf die Stadt bietet. Dort versammelten wir uns, während Harendra völlig schmerzfrei in der prallen Sonne stand und erzählte. 

Als die Gruppe für ca. 2h die Besichtigung des Palastes antrat, blieb ich mit einigen anderen draußen im Vorhof, in dem es auch zahlreiche kleine Läden und ein Restaurant gab. Der Bereich ist ruhig und harmonisch, abgeschirmt vom Lärm und Chaos des Treibens vor dem Palastgelände. Für mich die perfekte Gelegenheit, mich einfach mal hinzusetzen und bei einem leckeren Eiskaffee zu relaxen und in aller Ruhe ein paar Reisenotizen zu machen.

Um 13 Uhr trafen wir alle wieder zusammen und mit dem Bus sind wir quer durch die Stadt zu einem Gartenrestaurant gefahren. Das Thermometer war inzwischen auf ermüdende 40 Grad geklettert. Die Menükarte bot ein ähnliches Angebot wie fast überall, wo wir bisher unsere Mittagspausen gemacht haben. Ich habe ein Grilled Cheese Sandwich für 200 Rupien inll. Tax und Trinkgeld gegessen. Ich halte mich meist an eher europäisch anmutendes Essen, da mir allzu fremde Speisen oft nicht schmecken oder nicht gut bekommen.

Im Anschluss haben wir nach kurzer Fahrt einen schönen Spaziergang durch den Saheliyonki-Bari gemacht, dem „Garten der Jungfern“. Er grenzt an den Fateh-See in Udaipur, nördlich des Stadtpalastes und wurde im 18. Jahrhundert von Maharana Sangram Singh für die königlichen Damen errichtet. Die Geschichte erzählt, der Garten sei vom Maharana selbst konzipiert worden, als Geschenk an die Königin und zur Benutzung durch ihre 48 Hofdamen. Im Garten befinden sich in vier Wasserbecken zahlreiche Springbrunnen, die aus einem Reservoir gespeist werden, welches zusammen mit den Springbrunnen aus England importiert worden ist.

Als letzten Programmpunkt sind wir abermals durch die Stadt gefahren zu einem der künstlich angelegten Seen Udaipurs, dem Pichhola See. Mit einem Boot, eine Art schwimmende, überdachte, rechteckige Terrasse mit Tischen und Stühlen, schipperten wir über den nur fünf m tiefen See. Von dort hatten wir einen schönen Blick auf die Rückseite des Stadtpalastes und die Innenstadt. Und natürlich umrundeten wir den legendären Lake Palace mitten auf dem Wasser, der Ende der 50er Jahre als Drehort für den Film „Der Tiger von Eschnapur“ .

Um ca. 17.15 Uhr waren wir zurück im Hotel, bis zum Abendessen blieb noch Zeit zum Ausruhen, Schwimmen und Reisenotizen schreiben. Nach dem Abendessen haben wir den Tag mit einigen anderen an der Bar auf der Dachterrasse ausklingen lassen.

Ende Teil 1…

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