Rajasthan: Auf den Spuren von Märchen und Mythen Teil 2


Anlässlich des Tages der Republik in Indien präsentieren wir euch heute den zweiten Teil des umfangreichen und schönen Rajasthan-Berichtes von Ulla Frei mit den Tagen 10-18. Hier geht es zum Teil 1.

Tag 10. Von Udaipur nach Ajmer und Pushkar 

Auf dem Weg hielten wir zu einem spontanen Besuch an einer staatlichen Grundschule. Die Türen der vier oder fünf Klassenräume standen offen. Die Schüler saßen alle auf dem Boden, und nur die Dritt- und Viertklässler hatten niedrige Tische zum Schreiben. Die Kinder waren anhänglich und freuten sich über die unerwartete Unterbrechung des Unterrichts. Die Lehrer zeigten uns stolz die Schule und ließen einige Schüler kurze Texte aufsagen.

Nach der Ankunft in Ajmer und Einchecken ins Mansingh Palace Hotel, das am Ana Sagar Lake liegt, fuhren wir mit einem Tuc Tuc nach Ajmer City, da mit dem Bus in der Innenstadt kaum ein Durchkommen gewesen wäre und es so viel schneller ging. Das letzte Stück mussten wir laufen. Wir arbeiteten uns durch immer dichter werdende Menschenmassen zum Grabbezirk Dargarh durch, welcher um die Grabstätte des 1236 verstorbenen Khwaja Moinuddin Chishti herum errichtet wurde. Dieser Sufiheilige stammte aus dem persischen Sistan und hatte seine Kenntnisse über Mystizismus in Bagdad erworben, ehe er sich 1192 in Ajmer niederließ und eines der wichtigsten Zentren des mystischen Islam (Sufismus) in Indien gründete. Der Chishti-Orden fordert strenge Askese und Armut und war für seine Einbeziehung von Musik und Poesie bekannt, insbesondere für die bis heute gepflegte religiöse Gesänge (Qawali) an den Gräbern von Heiligen.

Weil alles ähnlich bunt und verspielt wirkte wie in Hindu-Tempeln, wunderte ich mich darüber, dass dies ein moslemischer Gebäudekomplex sein sollte. Grund dafür ist die indo-islamische Architektur, die sich im 12. Jh. entwickelte und in der Neuzeit mit persischen und indisch-hinduistischen Elementen zu einem eigenen Stil verschmolz, der sich klar vom Islam außerhalb Indiens abgrenzt. In Indien ist eben alles bunt und verspielt und das färbt unweigerlich auch auf den hier gelebten Islam ab.

Vor dem Betreten hieß es wieder Schuhe ausziehen, diesmal mitten im extrem dichten Menschengewühl. Harendra ließ unsere Schuhe von einem der vielen Schuh-Boys bündelweise zusammenbinden und aufbewahren, wobei manch einer von uns wohl damit rechnete, seine Schuhe nie wieder zu sehen. Aber auf wundersame Weise klappte auch die Rückgabe hinterher völlig reibungslos.

Im moslemischen Grabbezirk muss jeder eine Kopfbedeckung tragen. Wer keine dabei hatte, konnte für 10 Rupien ein Häkelkäppi oder ein Tuch von einem der vielen umherlaufenden Händler kaufen. Unsere Kameras durften wir nicht mitnehmen, aber fotografieren mit dem Handy war erlaubt.

Auch innerhalb des Geländes strömten Menschenmengen, besonders in der eigentlichen Grabkammer von Khwaja Moinuddin Chishti. Es gab sogar Blumenblüten zu kaufen, wie man es aus den Hindutempeln kennt. Weder die Einrichtung noch die Besucher wirkten auf mich wie Muslime. Der hinduistische Einschlag spiegelt sich nicht nur in der Architektur, sondern auch der Kleidung und den Ritualen wieder.

Wir zählten zu den wenigen westlichen Besuchern und so wurden einige von uns immer wieder angesprochen und um Fotos gebeten. Wir bekamen fremde Kinder an die Hand, mit denen indische Familien uns dann fotografierten, oder ganze Gruppen von Frauen wollten Selfies mit uns machen, einzelne Männer ebenso. Das war lustig.

Zurück am Hotel ging es fast sofort weiter, mit dem Bus über einen ca. 700 m hohen Pass durchs Aravalligebirge, Indiens ältesten Gebirgsrücken. Nach etwa 30 Minuten Fahrt erreichten wir auf der anderen Seite des Passes den Wallfahrtsort Pushkar, der auch als beliebter Ort für Hippies und andere westliche Aussteiger bekannt ist.

Wir gingen einige kleine Einkaufsstraßen entlang bis zum Brahma-Tempel, der der einzige in Indien sein soll. Der Legende nach war es Brahma selbst, der sich Pushkar als seine Stadt aussuchte. Hier hieß es wieder Schuhe ausziehen und Kameras abgeben, dann eine steile Marmortreppe hoch. Am Eingang wurde man sogar gründlich durchsucht und – needless to say – hatte ich meine Kamera noch im Rucksäckchen und bescherte der gestrengen jungen Beamtin somit ein Erfolgserlebnis. ☺ Handys durften zwar mit, aber damit zu fotografieren war diesmal verboten.

Nach der Besichtigung liefen wir hinunter zum Pushkar-See, eine heilige Pilgerstätte für viele Hindus. An 28 Ghats können hier heilige Waschungen vorgenommen werden, die auch als Ersatz-Ritual für eine Waschung am ca. 600 km entfernten Gangesufer gelten.

Ghat nennt man in Indien eine zu einem Gewässer (z.B. Fluss, See, Tempelteich) hinunterführende Böschung oder Treppe, oft von Tempeln und anderen Bauten gesäumt. Wir standen eine Weile oben an einem der Ghats, einige gingen auch die Stufen bis kurz vor das Wasser hinunter und beobachteten die Gläubigen bei ihrer Waschung. Auf dem Rückweg sind wir eine längere Strecke durch verwinkelte Ladensträßchen gegangen, mit interessanten Ein- und Ausblicken und kuriosen Situationen und  Pilgerstätte Pushkar-See Eindrücken.

Tag 11. Von Ajmer nach Jaipur

Den ganzen Vormittag sind wir gefahren, mehrmals über Tollstrecken. Die Buden an den Tolstationen, an denen man bezahlen muss, sind immer mit dicken Stahlrohrbügeln verkleidet, so als hätte man Angst, dass sie sonst einfach platt gefahren werden. 

Mittags kamen wir in Jaipur, der Hauptstadt Rajasthans, an und checkten erstmal in unser Hotel Madawa Haweli ein.

Später brachte uns der Bus in die City. Dort wurden wir je zu zweit auf Fahrradrikschas verteilt. Die ausgemergelten Fahrer hatten Mühe, die ohnehin schon schweren Drahtesel ohne Gangschaltung mit uns groß gewachsenen und kräftigen Europäern voran zu bewegen. Die Fahrt führte zunächst durch die zentrale Marktstraße von Jaipur, durch ein Chaos von Autos, Tuc Tucs, Rikschas, Handkarren, Fußgängern und Kühen hindurch, dann aus der City heraus bis zu unserem Hotel, wo wir nach ca. 20 Minuten ankamen. Die Altstadt von Jaipur wird wegen ihrer rotbraunen Fassaden auch pinke Stadt genannt, aber in natura sieht sie ziemlich fies und dreckig aus, eben typisch indische Großstadt (6 Mio Einwohner).

Harendra hatte uns gesagt, dass wir den Rikschafahrern kein Trinkgeld geben sollen, er bezahlt sie hinterher alle, incl. Trinkgeld. Sonst entstünde nur Stress unter den Fahrern, der im Tumult enden könnte.

Den Abend haben wir im Hotelgarten verbracht, wo man gemütlich beisammen sitzen konnte. Der Pool ist mir mit seiner orientalisch geschwungenen Form und nur 10 m Länge zum richtigen Schwimmen zu klein. 

Zum Abendessen gab es ein köstliches Buffet im Restaurant, und wir konnten unter freiem Himmel essen. Hinterher haben sich einige von uns wieder im Garten versammelt; etwas weiter weg versuchte uns ein Puppenspieler mit seiner Show zu unterhalten, an der wir aber nicht interessiert waren. Später am Abend erhoben sich wieder die Gebetsrufe der Muezzine über der Stadt…

Tag 12. Jaipur 

In der Stadt hatten wir einen Fotostopp am Hawa Mahal, dem berühmtesten Wahrzeichen Jaipurs. Dieser Palast ist nur eine Fassade, hinter der sich lediglich Treppen und Gänge befinden. Die auffällige Konstruktion wurde 1799 von einem Maharaja gebaut und diente den zahlreichen Damen des Hofes, die sich nicht unter das einfache Volk begeben durften, als Beobachtungsposten, vor allem bei den beliebten Prozessionen.

Danach stand die Besichtigung des Amber Fort auf dem Programm. Ursprünglich hieß es Fort Amer, was Mango bedeutet. Erst die Engländer benannten es um in Fort Amber. Die 11 km lange Fahrt von Jaipur nach Amber führt über kurvenreiche Straßen durch die Bergketten des AravalliGebirges. Unerwartet tauchte nach einer scharfen Kurve die Festung von Fort Amber auf dem Kamm eines Berghanges auf.

Die mächtige Festungsanlage war zur Zeit der Kachchwaha-Dynastie Regierungssitz und Königspalast. Der Baubeginn von Fort Amber fällt auf das späte 16. Jahrhundert. Im 17. Jahrhundert wurde die Anlage ausgebaut und erweitert. Die Lage der Festung war klug gewählt, denn sie war von der erhöhten Position aus gut zu verteidigen. Enge Serpentinen winden sich zum Eingangstor den Hang hinauf. Vom Parkplatz aus kann man entweder mit einem Mahindra hoch zum Fort fahren, laufen oder mit einem Elefanten hoch reiten.

Das Fort war wirklich sehenswert.  Die Fort-Anlage ist ein rechteckiger Komplex aus  Treppen, Innenhöfen, Arkaden, Pavillons und Gebäuden, die aus weißem Marmor und rotem Sandstein erbaut sind und die über üppig geschmückte Fassaden mit zahlreichen Erkern und Balkonen verfügen. Von oben hat man einen schönen Ausblick auf die herrlichen alten Gärten von Dilaram am Ufer des Maota-Sees, die zu Füßen der Palastfestung liegen. Zudem sieht man lange Reihen bunt geschmückter Elefanen, die Touristen aus dem Tal herauf bringen. Besonders gut gefiel mir bei dieser Besichtigung, dass wir mehrmals Zeit zum Selbsterkunden und Verweilen bekamen.

Auf dem Weg zurück nach Jaipur Fotostopp am Jal Mahal oder auch Wasserpalast, der mitten im künstlich angelegten See Man Sagar liegt. Der Palast wie auch der See wurde im 18. Jahrhundert von dem damaligen Maharaja Jai Singh II. neu gestaltet. Der Jal Mahal selbst gilt als architektonische Schönheit mit einem malerischen Blick auf den See und die umliegenden Nahargarh Höhen, den Aufenthaltsorten der asiatischen Tiger. Mit rotem Sandstein erbaut, bleiben vier Etagen des fünfstöckigen Gebäudes in der Regenzeit immer unter Wasser.

In der heißen Mittagshitze erreichten wir die Sternwarte Jantar Mantar. Die mit gelblichem Gips überzogenen Dreiecke, Kreise und Säulen aus Ziegelstein, die das Observatorium des Stadtgründers und Hobbyastronomen Jai Singh II. bilden, stehen im südlichen Hof des Palastkomplexes. Zwischen 1728 und 1734 wurden insgesamt 18 Instrumente errichtet, darunter die 27 Meter hohe Sonnenuhr. Obwohl der Herrscher durch Forschungsarbeiten ausländischer Astronomen und den Rat seiner Lehrer, darunter auch seine Mutter, beeinflusst wurde, hat er etliche dieser Messinstrumente selbst entworfen. Mit ihnen lassen sich die Position und Bewegung von Sternen und Planeten bestimmen, die Zeit ablesen und sogar Voraussagen über die Intensität des Monsuns treffen. Diese Anlage ist seit 2010 UNESCO Weltkulturerbe. Wir erhielten eine Führung durch einen Astrologen. Da das Observatorium komplett im Freien steht, suchten wir wo immer es ging schattige Plätze auf, weil es sonst zu heiß war.

Gleich daneben liegt der Stadtpalast von Jaipur, den wir anschließend besichtigt haben. In einigen Bereichen und Ausstellungsräumen war Fotografierverbot. Immerhin mussten wir heute nirgendwo extra Foto-Permit bezahlen. 

Auf der Fahrt zurück zum Hotel haben wir auf Wunsch einiger Mitreisender noch kurz an einem kleinen Tee- und Gewürzladen Halt gemacht.

Oft scharen sich beim Einsteigen in den Bus Souvenirhändler, Kinder und Bettler um unsere Bustür. Manchmal ist es richtig schwierig, bei dieser Wegelagerei in den Bus zu kommen. Was ich gut finde ist, dass Harendra sich von manchen Händlern Sachen in die Hand drücken lässt und sie uns kurz im Bus vorzeigt und akzeptable Festpreise nennt. Wenn keiner etwas kaufen will, reicht er es dem Händler wieder raus und zeigt uns den nächsten Artikel. Auf diese Weise können wir uns die Sachen ungestört im klimatisierten Bus ansehen, ohne von allen Seiten belagert zu werden und ohne handeln zu müssen oder überhöhte Preise genannt zu bekommen. So kauft dann doch manchmal der eine oder andere etwas, die Aktion ist schnell beendet und die meist sehr arm wirkenden Händler haben wenigstens ein bisschen Geld verdient. 

Um 16 Uhr waren wir wieder in unserem Mandawa Haweli Hotel und hungrig! Wir hatten seit dem Frühstück nichts mehr gegessen, aber das Hotel-Restaurant schien verlassen und so beschlossen wir, bis zum Abendessen um 19 Uhr durchzuhalten. Über dem Innenhof mit dem Pool ist ein Netz gespannt, aber einige Tauben hatten doch ein Schlupfloch gefunden und flogen herum. Leider benutzten die draußen gebliebenen Tauben das Netz als Sitzplatz, von dem aus sie im Hof alles voll kackten.

Punkt 19 Uhr habe ich mich mit Bärenhunger auf das Dinner- Buffet gestürzt, wo ich letztlich doch nicht besonders viel essen konnte, was sicher auch an der Hitze des Tages lag.  Zwei aus der Gruppe hatten ihre Ankündigung wahr gemacht und sind mit einem Tuc Tuc die Straße runter zu Pizza Hut gefahren. Sie brauchten mal eine kleine Abwechslung zur indischen Küche. 

Am Abend haben wir wieder mit den nettesten der Netten zum Plaudern im Hotelgarten gesessen und den Tag ausklingen lassen. 

Tag 13. Von Jaipur nach Ranthambore

Bevor wir Jaipur verließen, haben wir noch den Shri Lakshmi Narayan Tempel besucht, ein in den 80ern gebauter Shiva-Tempel mit viel weißem Marmor und angeschlossenem Museum. Im Gebäude war Fotografierverbot. 

10.50 Weiterfahrt Richtung Nationalpark Ranthambore, über immer ländlicher werdende Straßen.

11.10 Kurzer Stopp, um vom Bus aus große Statuen der Götter Vishnu und Hanomag (Affengott) zu fotografieren. Einmal kurzer Stopp bei Sichtung zweier großer grauer Antilopen, die aber schnell die Flucht ergriffen. Weiter ging es nach Sawai Madhopur. Städte, deren Name auf „-pur“ enden, haben immer eine Stadtmauer oder hatten zumindest eine, als sie gegründet wurde. Gemeinsam mit Harendra sind wir erst durch die belebte Hauptstraße geschlendert und  anschließend über den großen Obst- und Gemüse-Markt. In diesem Ort haben wir den Finger kaum noch vom Kameraauslöser weg gekriegt. Da wir die einzigen Touristen weit und breit waren, wurden wir genauso neugierig beäugt, wie die faszinierenden Menschen und Szenarien von uns. Die meisten Leute waren sehr fotografierwillig und freuten sich kolossal, wenn wir ihnen das gemachte Foto hinterher auf dem Display zeigten.

Nach einer spannenden Stunde im Gewühl fuhren wir noch die kurze Strecke weiter zu unserem Hotel, dem Tiger Den Resort nahe dem Nationalpark Ranthambore. Das Einchecken erfolgte wie immer super schnell und unkompliziert. Das Resort besteht aus vielen kleineren Gebäuden, die sich um schöne Rosengärten und einen Pool verteilen. Unsere Gruppe bezog den gesamten Komplex rund um den ca. 17 m langen Swimmingpool: sechs Häuschen mir je 2 Zimmern übereinander und an der Stirnseite ein größeres ebenfalls zweistöckiges Gebäude mit acht Zimmern.

Da wir irgendwann zwischen 17 und 18 Uhr angereist sind, war es noch schön sonnig, und die meisten von uns sind gleich in den Pool gehüpft, um sich abzukühlen. Einfach herrlich nach der langen Fahrt und den hohen Temperaturen.

Das Buffet am Abend bot recht wenige europäische Alternativen, aber inzwischen sind wir mit den einschlägigen indischen Gerichten vertraut, die sich in Variationen auf fast jedem Buffet wieder finden und so pickte sich jeder heraus, was er für genießbar hielt und wurde satt. Nach dem Essen haben wir noch mit ein paar Leuten vor Harendras Bungalow gesessen und etwas getrunken und sind  dann irgendwann schlafen gegangen. Was für ein erlebnisreicher Tag!

Tag 14. Ranthambore 

Um kurz vor 9 Uhr bin ich zum Frühstücken gegangen. Die meisten anderen waren schon fertig und saßen draußen vor dem Restaurantgebäude. Sie wollten in das nahe gelegene Dorf gehen, von dem Harendra uns erzählt hatte und das fußläufig zu erreichen sein sollte. Da ich mir noch etwas Zeit lassen wollte, sollten sie nicht auf mich warten, ich würde bald nachkommen.

Etwas später bin ich dann auch losgezockelt, über Wege aus Erde und Geröll, durch karge und unbewohnte Landschaft. Ein paar mal wurde ich von Safari-Fahrzeugen mit Touristen überholt. Auf der Straße sah ich zwei in Sari gekleidete Frauen, eine lief ebenfalls Richtung Dorf und die andere kam mir entgegen. Ansonsten leisteten mir nur ein paar Wildschweine, Kühe und eine Ziege Gesellschaft. Ein paar hundert Meter hinter mir folgte noch ein Ehepaar aus unserer Gruppe, das war zumindest schon mal beruhigend. Als die Frau im Sari näher kam, lief sie direkt auf mich zu und bettelte mich um Rupien an. Unglaublich, einfach so auf weiter Flur. Mich verunsichern solche Situationen, da ich nicht weiß, ob ich einfach nur als reicher Tourist wahrgenommen werde, dem man etwas abknöpfen kann, oder ob da gerade wirklich ein Mensch in existentieller Not ist. Die meisten armen Menschen, die wir gesehen haben, lebten eingebettet in ihre Gemeinschaft und schienen irgendwie ihr Auskommen zu haben. Schwieriges Thema.

Nach ca. 1,5 km erreichte ich die ersten Häuser, bzw. Hütten. Kurz vorher waren mir schon ein paar Mopeds mit jungen Leuten entgegen gekommen. Kurz vor Ortseingang lag an der Straßenseite ein skelettierter Tierschädel, wahrscheinlich von einer Kuh.

Ich bin fast durch das ganze Dorf gewandert, wobei ich von den Bewohnern auf Schritt und Tritt beobachtet wurde. Einmal musste ich an ein paar Kühen vorbei. Eine mit sehr langen gewundenen Hörnern hatte es auf mich abgesehen und wollte mich nicht vorbei lassen. Ich versuchte, ein paar Schritte zurück zu gehen, damit sie das Interesse verliert, aber jedes Mal guckte sie mich böse an und kam wieder auf mich zu! Da erschien im Haus nebenan ein Junge und zischte laut der Kuh zu, die mich daraufhin bereitwillig vorbeigehen ließ. Ja, Kuhsprache müsste man beherrschen! Dankbar winkte ich dem Jungen zu, der breit grinste und den Daumen nach oben zeigte.

Überall im Dorf liefen Wildschweine herum, die in den verdreckten Abwassergräben neben den schmalen Straßen wühlten oder ihre Nasen in frische Kuhfladen steckten. Auch Hunde gab es viele, und natürlich Kinder. Einige rannten auf mich zu und bettelten um school pens,  chocolate, candy, Dollar oder Rupien.  Nur einmal kam mir ein überraschend gepflegtes Mädchen aus einem Haus hinterher gelaufen, vielleicht 7 oder 8 Jahre alt. Sie sprach richtig gutes Englisch und wollte sich gerne unterhalten: How are you? What is your name? Do you have children? Are you married? Where are you coming from? (ich: Germany) Hocherfreutes Strahlen: in the United States?? Ich: well…no, Germany in Europe! Erneutes Strahlen, etwas verunsichert, und dann war sie weg.                                                                

Im Ortskern gab es ein paar Lädchen, auch einen „General Store“, aber das waren allesamt keine begehbaren Geschäfte, sondern eher eine Art Verschläge, an deren Eingang der Verkäufer im Schneidersitz saß und die gewünschten Waren heraus reichte. Als ich meinen Rundgang fast beendet hatte, entdeckte ich endlich ein paar Leute aus der Gruppe, die vorgegangen waren. Gemeinsam haben wir den Rückweg angetreten. Obwohl ich nur ca. 1,5 h unterwegs gewesen war, kam es mir viel länger vor und ich war klatschnass geschwitzt; es ging schon wieder rapide auf 40 Grad zu.

Um 12.30 sollten wir unsere Koffer rausstellen, die dann in den Bus verladen wurden und schon weiter fuhren, während wir morgen mit dem Zug hinterher kommen sollten.

Um 14.30 Uhr ging dann unsere Safari los. Wir verteilten uns auf zwei etwas skurrile, offene Wildbeobachtungsfahrzeuge, alte militärisch anmutende Vehikel in Tarnfarbe mit je 20 Sitzplätzen. Die Hitze ließ sich durch den Fahrtwind etwas leichter ertragen.

Nach einigen Minuten erreichten wir die Einfahrt zum Ranthambore Nationalpark, wo wir kurz hielten und sofort von Straßenhändlern umringt wurden. Ich habe einen Sonnenhut von 950 auf 300 Rupien herunter gehandelt und war somit ein wenig vor der Sonne geschützt.  

Die Pirschfahrt war eher unspektakulär und durch die Hitze ermüdend. Wir ratterten in gemächlichem Tempo in gebührendem Abstand zu einigen anderen Fahrzeugen über schmale Waldwege, die Bäume spendeten wenigstens etwas Schatten. Ein Wildbeobachter hielt die ganze Zeit Ausschau nach Tieren. Immer mal wieder hielten wir an, um Hirsche, Rehe Bild links, oder Affen (Makaken) zu  beobachten, aber wir entdeckten auch ein paar Eulen, Goldbussarde, viele Pfauen, Kingfischer, ein Krokodil, eine Wasserschlange. Und immerhin: zwei Abdrücke einer Tigertatze fanden sich einmal im Sand vor unserem Fahrzeug.

Um ca. 18.15 Uhr waren wir völlig verschwitzt, von oben bis unten in Staub paniert und erschöpft von der Hitze und der rumpeligen Fahrt zurück im Tiger Den Resort. 

Wir haben erstmal geduscht und ich habe meine Sachen durchgewaschen, da ja der Koffer schon weg war und ich morgen nicht mit derart verdreckten Klamotten aufbrechen wollte. Nach einer Tasse Kaffee auf der Veranda und ein paar Reisenotizen bin ich noch mal im Pool geschwommen – nachdem sich der Dreck der anderen gesetzt hatte, die nach der Rückkehr ohne Umschweife rein gesprungen waren. ☺

Inzwischen war es dunkel geworden und die anderen waren längst zum Abendessen gegangen. Das war herrlich, bei sanfter Laternenbeleuchtung und ganz alleine meine Bahnen zu ziehen!

Die ersten kamen schon vom Essen zurück, als ich endlich zum Restaurant ging. Einige saßen noch auf der Veranda vor dem Restaurant, also hab ich mir schnell am Buffet einen Teller voll gemacht und mich dazu gesetzt und mit großem Appetit gegessen. Bis zum späten Abend waren sogar meine Sachen schon trocken.

Tag 15. Von Ranthambore nach Agra

Da zu einer Indienreise das Erlebnis einer Zugfahrt unbedingt dazu gehört, sollten wir heute von Sawai Madhopur bis Bharatpur mit dem Zug fahren. Unser Bus, der schon am Vortag mit unserem Gepäck vorgefahren war, sollte uns dort wieder aufgabeln.

Mit einem indischen Reisebus mit Schrein am Armaturenbrett und super engen Sitzen (in jeder Reihe je zwei und drei Sitze statt zwei und zwei) wurden wir zum Bahnhof von Sawai Madhopur gebracht, wo wir vorgestern den Markt mit den vielen netten Menschen besucht hatten. Unsere Zugfahrt sollte um kurz  nach 7.00 Uhr starten und 2h 15min bis Bharatpur dauern, mit vier Zwischenstopps. Wir bekamen reservierte Plätze zugewiesen, es gab zwei und drei Sitze rechts und links vom Gang, also fünf pro Reihe, aber recht bequem und ausreichend groß.  Mit etwas Verspätung fuhr der Regionalzug ab. Die Fenster waren getönt, das Abteil angenehm klimatisiert. Außer uns saßen noch andere Touristen im Abteil, indische Fahrgäste waren daher in der Minderheit und das „echt indische“ Erlebnis somit etwas eingeschränkt.

Auf der Fahrt brauchte wirklich niemand Angst haben, verhungern oder verdursten zu müssen:  unaufhörlich kamen Bedienstete oder Händler mit den unterschiedlichsten Getränken und Snacks durch das Abteil gelaufen. Einmal wurde sogar der Boden feucht gewischt. Vor dem Abteil gab es zwei Toiletten, eine im „Western style“ mit Keramiksitz, und eine im „Indian style“ mit Boden-Keramikschüssel. Es hingen auch Tafeln mit Verhaltensregeln in Indisch und Englisch aus: dass man Frauen nicht belästigen darf, nicht im Abteil spucken soll, keinen Alkohol konsumieren darf etc.

Als wir aus dem Fenster ein paar Kühe auf den Gleisen herumstehen sahen, kam die Frage auf, wie der Zugführer es vermeiden kann, sie zu verletzen oder zu töten und ob er im letzteren Fall auch eine Pilgerreise machen muss, so wie die Kraftfahrer auf der Straße. Oder ob eine Pilgerreise schon im Vorfeld Bestandteil der Ausbildung ist, sozusagen prophylaktisch? Herandra musste über diese Idee lachen und gab zu, dass sich das Verletzen und Töten von Kühen durch Züge nicht verhindern ließe und daher keine Konsequenzen für die Zugführer habe. 

Gegen 10 Uhr kamen wir in Bharatpur an. Am Bahnhof ging es lebhaft zu, auf den Gleisbetten trieben sich viele Händler herum und verkauften ihre Waren an bereits im Zug sitzende Fahrgäste, was durch die offenen Fenster möglich war. Wir setzten unsere Weiterfahrt mit unserem Bus fort, der vor dem Bahnhof schon auf uns gewartet hatte.

Auf dem Weg nach Agra wollten wir die Geisterstadt Fatehpur Sikri besichtigen. Genauer gesagt handelt es sich nicht um die bis heute bewohnte Stadt mit dem gleichen Namen, sondern um den dort ansässigen Königspalast und den gesamten Hofkomplex, der für sich aber schon die Ausmaße einer kleinen Stadt hat. Fatehpur Sikri liegt im Bundesstaat Uttar Pradesh. Hier befand sich Ende des 16. Jahrhunderts die ehemalige Hauptstadt des Mogulreiches. Die Baudenkmäler des Palastbezirks stehen seit 1986 unter dem Schutz der UNESCO und gehören zum Weltkulturerbe. Fatehpur Sikri liegt am östlichen Rand des Aravalligebirges rund 36 km südwestlich von Agra. Nur wenige Kilometer westlich verläuft die Grenze zum Bundesstaat Rajasthan.          

Die frühere Hauptstadt des Mogulreiches unter Großmogul Akbar wurde zwischen 1569 und 1574 erbaut, jedoch vermutlich wegen Wassermangels in der Region nur sieben Jahre lang bewohnt. 

Akbar war als erster Mogul-Herrscher mit Frauen verschiedener Religionen verheiratet, blieb dennoch jahrelang ohne Nachkommen. Erst nachdem ein Scheich des Chishti-Ordens ihm die Geburt dreier Söhne prophezeite, klappte es in den Folgejahren. Aus Dank baute er dem Scheich zu Ehren Fatehpur Sikri. Der Hauptpalast und der Hofkomplex wurden 1947 durch britische Archäologen umfangreich restauriert und befinden sich bis heute in hervorragendem Zustand.

Für diese interessante Führung lohnte es wirklich, sich durch die Hitze zu quälen. Zum Mittagessen kehrten wir in ein Restaurant ein. Dieses Mal saßen wir eher unfreiwillig im Garten, da das Thermometer wieder auf 42 Grad geklettert war. 

Für die verbleibenden 35 km bis Agra brauchten wir ca. 90 Minuten. Nach dem Einchecken ins Mansingh Palace Hotel und Ausruhen, Dusche und Kaffee zogen Roland und ich zu Fuß durch die Straßen, ohne wirklich Interessantes oder Ansprechendes zu entdecken. So beschränkten wir uns auf ein paar Erledigungen und Einkäufe. Vor dem Abendessen blieb noch Zeit zum Schwimmen.

Tag 16. Agra

Für mich stand ein echtes Highlight der Reise an, ich war freudig aufgeregt und bester Laune. In den letzten Tagen war das Thermometer mehrfach bis 42 Grad geklettert. Meine Lumix war dabei zeitweise so heiß geworden, dass ich um meine Fotos fürchtete und einmal eine kalte Flasche Wasser nur deshalb kaufte, um die Kamera daran zu kühlen. Die Kamera ist also im wahrsten Sinne des Wortes heiß gelaufen, nicht nur wegen der über 4500 Fotos, die ich auf dieser Reise letztlich geschossen habe!

Auch an diesem Vormittag war zu spüren, dass es wieder extrem heiß werden würde. Umso besser, dass wir schon morgens am Taj Mahal waren, auch bevor der Besucheransturm zu sehr ausuferte.

Der Taj Mahal ist ein 58 Meter hohes und 56 Meter breites Mausoleum, das in Agra im indischen Bundesstaat Uttar Pradesh auf einer 100 Meter × 100 Meter großen Marmorplattform in der Form einer Moschee errichtet wurde. Der Großmogul Shah Jahan ließ ihn zum Gedenken an seine im Jahre 1631 verstorbene große Liebe Mumtaz Mahal erbauen.

Die Grabmäler im Zentralraum sind Kenotaphe; die eigentlichen, schlichteren Gräber befinden sich in der darunter liegenden Krypta. Die vier um das Hauptgebäude herum angeordneten Minarette sind leicht nach außen geneigt, damit sie bei einem Erdbeben nicht auf das Hauptgebäude stürzen. Im Westen, in der Richtung von Mekka, steht eine Moschee. Symmetrisch zum Taj Mahal liegt im Osten ein Gästehaus mit gleichem Grundriss.

Vor dem Zentralgebäude liegt ein 18 Hektar großer Garten mit einem langen schmalen Wasserbecken im Zentrum. Der Bau des Taj Mahal wurde kurz nach dem Tode Mumtaz Mahals im Jahr 1631 begonnen und 1648 fertig gestellt.Beteiligt waren über 20.000 Handwerker aus vielen Teilen Süd- und Zentralasiens und verschiedene Architekten, unter anderem der Perser Abu Fazel. Er verschmolz persische Architektur mit indischen Elementen zu einem Werk der indo-islamischen Baukunst. Die Baumaterialien wurden aus Indien und anderen Teilen Asiens mit 1.000 Elefanten herangeschafft. 28 verschiedene Arten von Edelsteinen und Halbedelsteinen wurden in den Marmor eingesetzt.

Der Taj Mahal wurde 1983 in die Liste des UNESCO-Weltkulturerbes aufgenommen. Heute gilt er wegen der Harmonie seiner Proportionen als eines der schönsten und bedeutendsten Beispiele des Mogulstils. Außerdem wird der Taj Mahal als Gebetsstätte der muslimischen Bürger genutzt. Er ist zudem ein beliebtes Ziel frisch vermählter indischer Eheleute; der Besuch soll die gegenseitige Liebe dauerhaft machen und bestärken.

Nach den Sicherheits- und Eintrittsprozeduren betraten wir das Gelände durch das Westtor und näherten uns endlich dem Taj Mahal. Unzählige Menschen posierten und machten Fotos, man musste sich regelrecht einen Platz an den beliebtesten Stellen erkämpfen. Nachdem Harendra uns etwas abseits im Schatten einiges über das Taj erzählt hatte und dann noch ein Gruppenfoto von einem Fotografen erstellen ließ, durften wir 1,5 h auf Erkundungstour gehen. Dieser Besuch war für mich zweifelsohne der Höhepunkt der Reise. Wäre es nicht so erbarmungslos heiß gewesen, hätte ich gerne noch viel länger dort verweilt. Der hell strahlende Taj Mahal, das weitläufige Gelände, die Gartenanlagen, die Wasser becken, Parkbänke unter schattigen Bäumen…das alles wirkte ungeheuer entspannend auf mich, und gleichzeitig fand ich es aufregend, an diesem Ort sein zu dürfen.

Gegen 11 Uhr haben wir nach kurzer Fahrt eine Marmor Manufaktur besucht. Nach Textilien, Teppichen und Schmuck war das nun die vierte Verkaufsveranstaltung auf dieser Reise. Da aber keine davon zu lange dauerte und sie in klimatisierten Räumlichkeiten stattfanden und es immer ein Begrüßungsgetränk dazu gab, störte sich eigentlich keiner daran. Immerhin gab es ja auch interessante Einblicke und Informationen über die Fertigung, und einige nutzten die Gelegenheit auch zum Kauf. 

In dieser Manufaktur wurde weißer Marmor aus Jaipur bearbeitet und Tischplatten und andere Artikel daraus gefertigt. Die eigentliche Kunst der Manufaktur bestand darin, Einlassungen aus buntem Steinmaterial, z.T. Halbedelsteinen, meist in floralen Mustern, in den Marmor einzuarbeiten.

In Jaipur und Umgebung hatten wir vor allem auf den Highways häufig LKWs mit riesigen, unbefestigten Marmorblöcken auf der Ladefläche gesehen.

Als letzter Programmpunkt stand ein Besuch des Agra Fort oder auch Rotes Fort auf dem Plan. Bei sengender Mittagshitze haben wir uns auch hier von einem schattigen Platz oder kühlenden Gemäuer zum nächsten gerettet. Das Fort ist recht sehenswert, selbst für mich mittelschweren Kulturbanausen war es trotz Hitze interessant.

Das Rote Fort ist eine Festungs- und Palastanlage aus der Epoche der Mogulkaiser und diente im 16. und 17. Jahrhundert mit Unterbrechungen als Residenz der Moguln. Das Rote Fort wurde 1983 in das UNESCO-Weltkulturerbe aufgenommen. Ein Teil des Geländes wird heute militärisch genutzt und ist der Öffentlichkeit nicht zugänglich. Das Fort liegt auf einem Hügel am Ufer des Yamuna-Flusses und ist nur etwa 2,5 Kilometer vom Taj Mahal entfernt. Die gesamte Fort-Anlage hat einen halbmondförmigen Grundriss und ist von einer bis zu 21 Meter hohen Mauer umgeben, deren Umfang 2,4 Kilometer beträgt. Die Mauer und die Mehrzahl der umschlossenen Gebäude sind mit roten Sandsteinplatten verkleidet, daher rührt auch der Name des Forts.  

Um 13.30 Uhr waren wir zurück im Hotel. Die selbst für Indien in dieser Jahreszeit ungewöhnliche Hitzewelle machte uns ganz schön zu schaffen. So nutzte ich den Nachmittag  zum Ausruhen, für Reisenotizen und zum Schwimmen, bis wir uns am Abend in der Lobby versammeln sollten.

Für 19 Uhr war eine Abschiedsparty im Bus geplant, da das Hotel sonst nur gerne an den  Feierlichkeiten mitverdient hätte. So nahmen wir also alle unsere angestammten Plätze ein, Harendra resümierte die Höhepunkte der Reise und dann gab es Rum und Cola für alle, dazu laute Musik und Tanz auf dem engen Gang zwischen den Sitzen, bis der ganze Bus schaukelte. Später wurden die Umschläge mit unseren Trinkgeldern für Harendra, den Busfahrer und den Busboy eingesammelt.

Gegen 20.30 Uhr kehrten wir zum Abendessen ins Hotel zurück.

Tag 17. Von Agra nach Delhi 

Die Strecke führte weitgehend über eine nagelneue, moderne Toll-Autobahn, auf der wir streckenweise allein oder fast allein unterwegs waren, da sie für die meisten einheimischen LKWs zu teuer ist. 

Je näher wir Delhi kamen, umso mehr Autos gab es auf der Straße. Im Stadtgebiet kamen uns dann auch wieder reichlich Geisterfahrer, incl. Mopeds und Radfahrern, entgegen und noch auf dem Highway standen am Rand schon wieder Gemüsekarren und hockten vereinzelt Frauen mit einer Schale Früchte auf dem Seitenstreifen. Moderne Stadt hin oder her – Indien bleibt eben Indien.

Unser Busboy hatte kurz vor Delhi die Gardinen an allen Fenstern zurückgezogen und sorgfältig befestigt. Seit der Gruppenvergewaltigung 2012, die weltweit durch die Presse ging, sind in Delhi in allen Reisebussen getönte Scheiben sowie zugezogene Vorhänge verboten.

In Alt-Delhi war unser erstes Ziel die Freitagsmoschee, die größte Moschee Indiens. Den letzten Kilometer mussten wir uns mit unserem großen Bus Zentimeter für Zentimeter durch ein unglaubliches Gewühl von Tuc-Tucs, Eselskarren und Fußgängern kämpfen. Ein Wunder, dass wir auch hier ohne Unfall und sogar ohne Schrammen und Beulen durch kamen. Für die Besichtigung blieben uns am Ende nur 15 min Zeit: Schuhe abgeben, buntes Körper bedeckendes Gewand überziehen und uns von Harendra im  Verkehrschaos in Alt-Delhi

Innenhof der Moschee in der Gluthitze einen kleinen Vortrag anhören. Dann mussten wir unvermutet schon wieder raus, wegen der Gebetszeit hätte man erst wieder um 15 Uhr rein gedurft. Das war ärgerlich für diejenigen, die extra 300 Rupien für ein Foto-Permit bezahlt hatten. 

Weiter ging es mit dem Bus durch Alt- Delhi zum Raj Ghat, einer Gedenkstätte rund um den Platz, an dem Mahatma Gandhis Leiche verbrannt worden ist, nachdem er 1948 erschossen worden war. Ein schönes weitläufiges Gelände mit gepflegter Gartenanlage. Zum Glück wehte zu der Affenhitze ein leichter Wind.

Mittags kehrten wir in einem indischen Restaurant ein, wo ich für einen großen Eiscafe und ein paar Naanfladen meine letzten Rupien auf den Kopf gehauen habe. Gut gestärkt hatte ich danach wieder Elan für die nächsten Besichtigungen. Wir hielten in Neu- Delhi am Indian Gate, einem Denkmal für gefallene Soldaten im Ersten Weltkrieg. In das Mauerwerk des Tores sind die Namen der Gefallenen gemeißelt. Rund um das Tor war viel los, viele in- und ausländische Touristen, zahllose Souvenirverkäufer, Eiswagen etc. tummelten sich dort. Übrigens kleiden sich indische Männer fast ausnahmslos mit langen Hosen und langärmligen Hemden, ungeachtet der Jahreszeit und Temperatur, egal ob im städtischen oder ländlichen Bereich, ob arm oder reich, alt oder jung. In Indien ist auch die Figur oft noch ein Hinweis auf den Wohlstandslevel. Während die große Mehrzahl der Inder, vor allem die Männer, schmal gebaut, fast streichholzdünn ist, geht es den kräftiger genährten oder gar dicklichen Leuten meist auch finanziell besser.

Mit dem Bus drehten wir noch eine Runde durchs Regierungsviertel in Neu- Delhi und steuerten dann Gurudwara Bangla Sahib, den zweitgrößten Sikh-Tempel Indiens, an.  In den schattigen Durchgängen ruhten sich viele Pilger auf dem weißen Marmorboden aus, vor allem ältere Männer. Es gab eine Menge zu sehen und zu staunen, und draußen durfte auch alles fotografiert werden, nur drinnen wieder nicht. In einem Nebentrakt zogen wir in einem Raum unsere Schuhe aus und wurden dann von Harendra durch den Tempel geführt. 

Ein Gurudwara ist eine Schul- und Gebetsstätte der Sikhs. Das Gurudwara Bangla Sahib verfügt unter anderem über eine Küche, einen großen heiligen Teich, eine Schule und eine Kunstgalerie. Wie in allen Gurudwaras üblich, wird auch hier das Prinzip der Speisung gelebt. Alle Menschen, ungeachtet ihrer Rasse und Religion, dürfen zum Essen hierher kommen. Tempelangestellte und Freiwillige bereiten die Speisen zu und verteilen sie täglich an mehrere tausend Menschen, die sich in der großen Speisehalle in langen Reihen auf dem Teppichboden niederlassen. Freiwillige Helfer für alle anfallenden Arbeiten auf dem Gelände sind ebenfalls jederzeit willkommen.                                                                         

Zuletzt durften wir überraschend auch die Küche ansehen, was wohl eine Ausnahme ist. Mit einer modernen Großküche hatte das allerdings wenig zu tun! Flache Arbeitsflächen waren umringt von Menschen im Schneidersitz, die Teig kneteten, einen Gang weiter hingen riesige Kessel, unter einem brannte ein Feuer. Auf einer großen gusseisernen Platte wurden flache Brotfladen gebacken.

Zurück in dem Raum, in dem wir unsere Schuhe gelassen hatten, konnte ich meine Sandalen nicht finden. Schon als ich sie ausgezogen hatte, bemerkte ich etwas weiter weg ein Paar sehr ähnliche Sandalen, gleiche Marke, gleiche Farbe, ähnliches Modell, aber größer als meine. Ich vermute, dass die Besitzerin bei ihrer Rückkehr versehentlich meine genommen hat.  Ich habe es mit indischer Gelassenheit genommen ☺. Immerhin war es der letzte Tag der Reise und die letzte Besichtigung, also nicht so schlimm. Ich bin kurzerhand barfuß in den Bus gestiegen, es ging ja jetzt nur noch ins Hotel.

In Neu-Delhi bekamen wir im Janpath Hotel komfortable Zimmer zugewiesen, die wir uns bis zur Fahrt zum Flughafen am späten Abend jeweils zu viert teilen sollten. Harendra verabschiedete sich dann von uns. 

Tag 18. Ankunft in Deutschland

Abflug war nachts um 2.45 Uhr. Die gesamte Gruppe flog mit demselben Flieger nach Frankfurt und reiste dann mit dem Zug oder per Inlandsflug nach Hause.

Ich fand die Reise rundum gelungen: 

  • tolle Route
  • abwechslungsreiches Programm
  • sinnvolle und durchdachte Organisation
  • gute Hotels
  • schmackhaftes Essen
  • professioneller Reiseleiter
  • gut gemischte, unanstrengende Reisegruppe
  • fähiger Busfahrer und sein Busboy (gefahrene Strecke: 3260 km)
  • sehr gutes Preis-Leistungsverhältnis

Fazit: auf jeden Fall weiter zu empfehlen!

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