Indien – die größte Demokratie der Welt

Indien ist mit seinen 1,3 Milliarden Einwohnern die größte Demokratie der Welt, sagen die Inder stolz. Das ist richtig – und wie so oft nicht die ganze Wahrheit.

Der Staatsaufbau ist mit dem der Bundesrepublik Deutschland sehr vergleichbar. Nach langer Herrschaft der sozialdemokratischen Kongress-Partei, der insbesondere die charismatische Premierministerin Indira Gandhi angehörte, ist jetzt die hinduistische Nationalpartei am Ruder, die natürlich alles besser machen will und beispielsweise eine Sauberkeitskampagne ausgerufen  hat, nach der in fünf Jahren die Städte eine funktionierende Müllentsorgung und Kanalisation sowie die Wohnungen in den Dörfern Toiletten haben sollen.

Old Sadhu at the ghats in Varanasi, India.

Indien: Demokratie versus Kastenwesen

Eine Demokratie im westlichen Sinne wäre Indien sicher dann, wenn das gesellschaftliche Leben nicht vom Jahrtausende-alten Kastenwesen bestimmt wäre. Es gibt fünf hierarchisch gegliederte soziale Hauptschichten, aus denen es kein Entrinnen gibt. Heißt unter anderem: einmal ein armer Teufel, immer ein armer Teufel. So stammt der derzeitige Premierminister der weltgrößten Demokratie aus der vierten (Arme-Schlucker-)Kaste und und behält sein niedriges Ansehen, während etwa der Staatspräsident aus der obersten Bramanen-Kaste kommt.

Um die Angehörigen der niederen Klassen angemessener in den staatstragenden Institutionen zu berücksichtigen, hat man sich ein Proporzsystem ausgedacht entsprechend dem Anteil der einzelnen Kasten an der Bevölkerungszahl. Das erscheint zwar gerecht, führt aber oft dazu, dass nicht der beste Kandidat den Posten bekommt, sondern der mit der richtigen Kastenzugehörigkeit. Der Qualität der Staatsverwaltung ist das nicht immer zuträglich, wie man sich vorstellen kann, denn die gebildeteren Kandidaten kommen in der Regel aus den oberen Kasten.

Young girls collecting water from holes dug in the ground, Udaipur, India.

Frieden trotz Armut

Indien hat in den letzten Jahren wirtschaftlich aufgeholt, hat aber dennoch ein vergleichsweise bescheidenes Bruttoinlandsprodukt (BIP) von ca. 1.600 US-Dollar pro Kopf. Das von Deutschland etwa ist 30 Mal so hoch. Es gibt mittlerweile auch eine in respektabler Zahl vertretene konsumorientierte Mittelschicht; die Unterschiede zwischen Arm und Reich sind dennoch gewaltig. Dass das so ist, liegt ebenfalls zu großen Teilen am Kastendenken. Wer sich einer armem Kaste zugehörig fühlt, nimmt das als gottgegeben hin. Eine positive Folge davon ist die große Friedlichkeit des Landes und die Abwesenheit von Sozialneid.

Eine Ausführung von Josef Welle, Febr. 2016, Teilnehmer der Rundreise Indien-Rajasthan.

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