Auf dem Dach der Welt (Teil 2)

TOURVITAL Reisender Horst war in Tibet unterwegs und berichtet in einem zweiteiligen Reisebericht von seinen Erfahrungen. Hier geht’s zu Teil 1.

Nach dem Frühstück ging es weiter mit dem Bus. Nach einer Dreiviertelstunde bemerkt unser Fahrer beim Tanken, dass er seine Dokumente vergessen hat und die braucht er unterwegs natürlich ein paar Mal. Während der Pause sehen wir uns ein paar Yaks an. Dann geht es endlich weiter, wir fahren geraume Zeit am Lhasafluss entlang, einem Nebenfluss des Brahmaputra, sehen etliche Yaks unterwegs und einmal auch Sanddünen im Fluss, die angeblich aus der Wüste Gobi kommen.
Dann ist der erste Pass erreicht. Selbstverständlich werden entsprechende Erinnerungsfotos gemacht.

Nach dem Mittagessen in einem kleinen Dorf erfahren wir von Tashi bei der Weiterfahrt, dass der Name „Tibet“ aus dem mongolischen „Tupot“ kommt, was Hochland bedeutet. Die chinesische Übersetzung lautet „westliches verstecktes Land“. Von den insgesamt sechs Millionen Tibetern lebt die Hälfte hier, andere sind nach Indien oder Übersee ausgewandert. Das Land verfügt über drei fruchtbare Täler, über acht Berge mit über 8.000 Metern Höhe und 20 mit über 7.000 Metern Höhe. Einige der Nomaden sind ganzjährig unterwegs, andere haben ein Haus.

Das Einchecken auf dem Bahnhof Lhasa ist eine Tortur.
Zusammen mit Siegfried und den beiden Thomas‘ belege ich ein Abteil im Zug. Die Tibetbahn fährt in drei Klassen. Wir genießen mit vier Sitzen/Betten den Luxus der 1. Klasse, in der 2. teilen sich sechs Personen das Abteil und die 3. Klasse verfügt nur über Sitzplätze.

Pünktlich um 9:00 Uhr startet der Zug, bis Golmud ist er nur spärlich belegt. Eine wunderbare Landschaft erschließt sich uns; hohe Berge, teils mit Schnee, kleine Dörfer, wo Yakfladen wie eine Mauer um das Haus gestapelt sind, Nomaden mit Hunderten von Yaks, wilde Esel, kleine Flüsse und Seen.

Bei Damxung fahren wir an einem „Siebentausender“ vorbei, wir befinden uns meist auf einer Höhe von 4.500 Metern und die Kabinen werden mit zusätzlichem Sauerstoff versorgt.
Wir verpflegen uns nachmittags selber mit Tütensuppe, Obst und Süßigkeiten, ich hatte mir beim Frühstück ein paar Momos eingesteckt. Zum Abendessen gehen wir in den Speisewagen. In dieser Nacht schlafe ich sehr gut, pünktlich um 6:38 ist Xining erreicht, lange 1.956 Kilometer liegen hinter uns.
Nun wird es hektisch, wir schnappen unser Gepäck, laufen eine Treppe mit über 60 Stufen hinauf und suchen unseren Bahnsteig. Tashi kümmert sich dann darum, dass ich ein neues Ticket erhalte, auf dem vorliegenden ist noch die alte Passnummer vermerkt. Der riesige Bahnhof erinnert mich eher an einen Flughafen.

Wir fahren an zahlreichen Trabantenstädten vorbei, riesige Hochhäuser, dazwischen ungenutzte Brachen, eine Stadt wie die andere, bei der Hochhäuseranordnung zwischen der normalen Bebauung kann ich keine Struktur feststellen, aber die Bauherren werden sich was dabei gedacht haben.
Wir durchfahren zahlreiche Tunnel und kommen an vielen gesichtslosen Städten vorbei. Um 13:15 ist Xi’an erreicht, weitere rund 800 Kilometer liegen hinter uns. Im Bahnhof herrscht eine unglaubliche Hektik und Lautstärke, verstärkt durch schlecht zu verstehende Lautsprecherdurchsagen. Menschen über Menschen.
Shilam, die wir Man nennen dürfen, empfängt uns in der riesigen Bahnhofshalle und dann geht es in einer etwa einstündigen Fahrt zum Grand Dynesty Culture Hotel.
Unsere neue Reiseleiterin erzählt uns, dass Xi’an, natürlich wegen der Terrakotta-Warriors, rund 10.000 Besucher am Tag hat.
Mein erster Eindruck ist positiv, zwar liegt die Stadt unter dicken Wolken, aber sie ist sauber, hat separate Fahrradwege und ist von zahlreichen Blumenanlagen umgeben.
Man meint, Xi’an sei die Stadt der Vergangenheit, Peking die der Gegenwart und, natürlich, Shanghai Stadt der Zukunft. Abends fahren wir in ein Hotelrestaurant und nehmen an einem Teigtaschenessen teil. Nach der Vorspeise werden Knödel in allen Variationen aufgetischt, mit Geflügel, Schwein, Fisch, Sauerkraut, Schnittlauch und, ohne Anspruch auf Vollständigkeit, Walnüssen. Dazu werden Getränke gereicht, Tee und Bier und ein 50-prozentiger Hirseschnaps.
Später wandern wir noch über den Moslemmarkt in Hotelnähe.
Wieder klingelt der Wecker unbarmherzig um 5:15 Uhr. Und heute sage ich: das ist gut so. Um viertel vor acht fahren wir zu der Terrakotta-Krieger-Ausgrabungsstätte und dort angekommen schlägt meine gute Laune gleich um, mindestens 40 Busse parken bereits gegen acht Uhr auf dem Parkplatz und diverse Reisegruppen strömen dem Eingang entgegen.

Zunächst besuchen wir die erste Halle, und das ist die einzige, an die ich mich noch erinnern kann, alles andere ist Neuland. Die Terrakotta-Armee ist nicht nur eine militärische Schlachtformation, sondern mit über 10.000 ausgegrabenen Waffen auch ein riesiges Waffenarsenal. Dann, zurück auf dem Gelände, ich will meinen Augen nicht trauen, Menschen über Menschen vor dem Eingang zur ersten Halle.
Danach bleiben wir zum Mittagessen auf dem Gelände und erleben dann eine Teezeremonie. Wir dürfen probieren und danach, selbstverständlich, auch kaufen. Auf der Weiterfahrt wundere ich mich über die zahlreichen im Bau befindlichen Hochhäuser, freue mich aber auch über das Blumendekor am Straßenrand. Rote Granatäpfel hängen am Ast und leuchten.
Nächstes Ziel ist der Besuch einer Jadewerkstatt. Wir erhalten Informationen über den Rohstoff, die Herkunft und dürfen danach, wie sollte es anders sein, auch wieder einkaufen. In der Provinz Shaanxi, Hauptstadt ist Xi’an, wird Jade abgebaut. Die Form dieses Landesteils ähnelt einem Bogenschützen.

Anschließend fahren, besser schleichen, wir zur Großen Wildganspagode. Der 64 Meter hohe Bau entstand 652 im Hofe des Klosters der großen Wohltätigkeit und ist ein Geschenk Kaisers Gaozong an seine verstorbene Mutter.

Ein großer Teil unserer Gruppe verlässt in der Nähe des Südtores den Bus, um noch einen Blick auf die oder einen Gang auf der Mauer zu erleben, der Rest fährt nach Hause. Ich beeile mich, gehe zur Mauer in der Nähe des Hotels und fotografiere ein wenig, danach geht es zum Abendessen in das Lokal, wo ich auch gestern schon ein Bier getrunken habe. Bilder zeigen die einzelnen Speisen an, ich zeige auf einen Teller und die Kellnerin erklärt mir mittels Übersetzungsprogramm auf dem Smartphone, was ich gerade ausgewählt habe. Es schmeckt sehr lecker und der Chef des Hauses stößt mit mir an.
Um sechs Uhr fahren wir zum Flughafen, checken ein und genau um 10:00 Uhr ist Peking erreicht. Auf dem Weg zum Mittagessen verblüfft uns Oyang, unser nächster und auf dieser Fahrt letzter Begleiter, mit einigen kaum vorstellbaren Statistiken.
Bei angenehmen 28 Grad fahren wir an der russischen Botschaft, dem Außenministerium und einer antiken Sternwarte vorbei, bis wir dann im Diplomatenviertel unser Mittagessen einnehmen. Auch in Peking freue ich mich über den dekorativen Blumenschmuck an den Straßenrändern.
Zu Beginn der Besichtigung des „Platz des himmlischen Frieden“ werden wir auf ein Bahnhofsmuseum aufmerksam gemacht. Wir schreiten dann in Höhe des Mittagsonnentors auf den mit 440.000 Quadratmetern größten Platz der Welt. Der Tian’anmen ist auch ein Ort großer Paraden, die im Abstand von zehn Jahren stattfinden, kleinere Paraden können im Rhythmus von fünf Jahren beobachtet werden.
Dann stehen wir vor der Kaiserstadt mit dem unverkennbaren Mao-Bildnis. Später höre ich, dass es sich um das einzige öffentliche Foto des einstigen Herrschers handeln soll. Die Kaiserin kam nur ein einziges Mal, nämlich am Hochzeitstag, in den Genuss, durch das mittlere Tor zu schreiten.
Da kein Normalsterblicher über dem Kaiser sitzen durfte, wurde es verboten, ein höheres Gebäude zu erstellen. Die Wichtigkeit der Halle wird auch durch die elf Dachreiter symbolisiert, besonders durch die neun Drachensöhne.

Es handelt sich um den größten Kaiserplatz der Welt. Nachdem wir durch das Tor der Himmlischen Reinheit geschritten sind und den gleichnamigen Palast in Augenschein nehmen konnten, sehen wir uns zum Schluss noch die Gemächer der Kaiserin und die Häuser der Konkubinen an.

Am nächsten Morgen dürfen wir endlich einmal etwas länger schlafen. Gegen 8:30 Uhr brechen wir zur großen Mauer auf und eine Stunde später ist der Abschnitt in Juyongguan erreicht. Während der Fahrt erfahren wir von Oyang, dass der bekannte chinesische Pianist Lang Lang an der hiesigen Musikhochschule studiert hat.

Die Sonne scheint und wir haben eine relativ klare Sicht auf die Große Mauer.
Heute halten wir an der gegenüberliegenden Seite, vor vier Jahren wurde der andere Abschnitt erstiegen. Es ist anstrengend, einmal, weil es berghoch geht, aber auch aufgrund der unterschiedlichen Höhe der Steine. Doch wir geben nicht nach und tatsächlich, nach knapp zwei Stunden ist der höchste Turm erklommen und glücklich stellen wir uns zu einem Erinnerungsfoto zusammen.
Nun haben wir unser Mittagessen redlich verdient. Gespeist wird in einem Tourismustempel mit reichlich Gelegenheit zum Souvenirkauf.
Abends fahren wir ins Rote Theater und sehen uns „Die Legende von Kungfu“ an, tänzerisch und sportlich eine Augenweide. Danach kehren wir noch in das Lokal ein, das mir gestern gut gefallen hat und auch in der Nähe des Hotels liegt.

Heute, am letzten Tag der interessanten Rundreise, stehen zwei Besichtigungen auf dem Programm. Zunächst fahren wir zum Himmelstempel, er liegt gar nicht weit vom Hotel entfernt. Die blauen Dächer symbolisieren den Himmel. Hierher ließ sich der Kaiser in einer Sänfte tragen, die Straßen wurden abgesperrt, damit ihn niemand sehen konnte. Die gesamte Anlage ist von einer kilometerlangen doppelten Mauer umgeben. Die Anlage besteht aus drei Bauten: Aus dem Himmelsaltar, einer Marmorterrasse mit einem Stein, der den Mittelpunkt der Welt darstellen soll und aus dem Kaiserlichen Himmelsgewölbe mit der Echomauer, die so gebaut ist, dass eine Person, die auf der einen Seite an die Mauer flüstert auf der gegenüber liegenden Seite gehört wird. Wir kommen letztendlich in die Halle der Ernteopfer, die man durch das Tor der Vollendeten Tugend erreicht. Das Gebäude wird von 28 Säulen, ohne Verwendung von Nägeln, getragen. In dieser „Halle der Gebete um gute Ernte“ betete der Kaiser jährlich.

Alte Bäume prägen die Anlage. Sie sind mit farbigen Zetteln ausgezeichnet, grün bedeutet 100 bis 300 Jahre alt, die rot gekennzeichneten über 300 Jahre. Nach dem Mittagessen im vornehmen Ramada-Hotel fahren wir zur letzten Besichtigung dieser Tour, nämlich zum Sommerpalast, im Nordwesten der Stadt gelegen. Wir sehen uns die Halle des Wohlwollens und der Langlebigkeit an. Sein Hof wird von vier Steinen verziert, die die Jahreszeiten symbolisieren, und von einem großen Stein vor dem Eingangstor, der die bösen Geister abschrecken soll.
Auf dem Weg zurück machen wir noch einen kurzen Stopp auf dem Olympiagelände und sehen uns besonders das Hallenbad an. Es sieht aus wie ein Vogelnest und wird im Volksmund auch so genannt.

Dann wird es Zeit für den krönenden Abschluss. Heute Abend werden wir mit Pekingente verwöhnt. Das Rezept stammt aus der Ming-Dynastie. Ein junger Mitarbeiter zeigt uns, wie man diese Spezialität verzehrt. Man nimmt ein dünnes Fladenbrot, ein paar in Soße getauchte Fleischstücke und ein paar Lauch- und Gurkenstreifen und rollt alles zusammen. Es schmeckt sehr lecker, aber auch die Beilagen und anderen Speisen auf dem Tisch sollen nicht unerwähnt bleiben. Als Dessert leeren wir eine Flasche warmen Reiswein. Ein toller Abschluss einer sehr interessanten, informativen und manchmal auch anstrengenden Reise – aber wir haben es ja so gewollt. Im Vorfeld hatte ich großen Respekt vor der Höhenlage und der dünnen Luft in Tibet, aber ich bin sehr froh, mich dieser Herausforderung und diesem Abenteuer gestellt zu haben.

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